Der Faktor Zeit

Brütende Hitze über dem Bosenberg. Da helfen nur kühle Getränke oder Eis. Das Angebot der Cafeteria kann sich sehen lassen.

Der Faktor Zeit ist in der CI-Versorgung eine wichtige Komponente. Und es beginnt schon mit der Überlegung für oder gegen eine Implantation.

Am Anfang muss ein jeder für sich entscheiden, ob der richtige Zeitpunkt für ihn gekommen ist oder eben noch nicht. Manchmal gibt es für diese Überlegung nur ein kleines Zeitfenster.

In jedem Fall wird jeder eine Abwägung vornehmen die neben vielen anderen die folgenden Fragen erörtert:

  • Wo stehe ich momentan mit meinem Hörvermögen?
  • Seit wann habe ich meinen Hörverlust?
  • Kann ich mein Leben mit diesem Hören auf die Dauer noch bewältigen?
  • Was ist in 10, 20 oder 30 Jahren?
  • Welche Ansprüche stelle ich an das Hören?
  • Was kann ich durch die Implantation gewinnen?
  • Bin ich optimistisch genug um das Restrisiko tragen zu können?

Ich bin überzeugt, dass eine frühzeitige Versorgung frühe Erfolge bringen kann. Je jünger man ist, desto plastischer ist die graue Masse, die man auf den Schultern herumträgt. Man kann also leichter und damit schneller neue neuronale Verküpfungen schaffen, die für die Hörverarbeitung notwendig sind. Wenn Hör- und Sprachvermögen erst einmal ganz verloren sind, gibt es anschließend mehr aufzubauen und weniger, aus dem man schöpfen kann.

Nicht immer sind die zeitlichen Voraussetzungen so ideal, wie bei mir. Und auch die individuelle Prädisposition ist ausschlaggebend, d.h., habe ich noch weitere Erkrankungen, die den Prozess bremsen könnten? Wie ist mein Nervenkostüm gestaltet um die Anspannung, die gesetzten Erwartungen von mir und meiner Umwelt auszuhalten. Bin ich bereit, mir selbst die notwendige Zeit zu geben?

Hier in der Reha habe ich gelernt, dass ich mit meinem ursprünglichen Zeitplan sehr sportlich war. In den meisten Fällen liegt zwischen der OP und der Reha ein deutlich längerer Zeitraum. Die Frage, ob dies sinnvoll ist, lasse ich mal dahingestellt. Jedenfalls muss man, denke ich, damit rechnen, dass rund ein Jahr vergeht, bis man seine Leistungsfähigkeit wiedererlangt hat. Und auch ich bin, aufgrund meines in kommunikativer Hinsicht sehr anspruchsvollen Berufs, seit der OP nur sporadisch auf der Arbeit gewesen. Diese Tatsache kann man beruflich und familiär nicht außer Acht lassen. Gerade, wenn Kinder und ein Partner im Spiel sind, wird durch die lange Abwesenheit vieles durcheinander gebracht und es ist sehr wahrscheinlich, dass man organisatorische Klimmzüge machen muss. Meine Frau und auch meine Arbeitskollegen unterstützen mich in dieser Zeit glücklicherweise außergewöhnlich stark. Der Rückhalt in der Familie und am Arbeitsplatz ist also ebenso wichtig. Dafür muss man argumentativ notfalls tief in die Klamottenkiste greifen. Hilfestellung geben beispielsweise die CI-Klinik aber auch die CI-Selbsthilfegruppen der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft e.V. (DCIG).

Während der Reha wird sowohl mit dem Training das Hörenlernen unterstützt. Im gleichen Maße gibt es Unterstützung für Körper und Geist in Form von Sportangeboten, Entspannungstechniken und Psychotherapie etc., ganz nach den persönlichen Erfordernissen. Die Reha wird zunächst für eine Dauer von drei Wochen genehmigt, kann dann aber um weitere Wochen verlängert werden. Ich habe einen „Fall“ kennengelernt, in dem die Reha auf zehn Wochen ausgeweitet wurde (R.K., Du weißt, wen ich meine? ;-). Das ist natürlich die große Ausnahme und vom Bedarf und Verhandlungsgeschick des Einzelnen abhängig.

Ist die Reha abgeschlossen, hat man in den darauffolgenden zwei Jahren einen Anspruch auf insgesamt weitere 20 Tage Nachsorge. Da sich die Signalverarbeitung im Gehirn im Laufe der Zeit verändert und verbessert, werden hier am Bosenberg sogenannte Blockwochen angeboten. Das ist jeweils eine Woche im Halbjahr in der die CI-Einstellung verfeinert aber auch wieder Hörtraining gemacht wird. Ergänzend dazu kann man daheim nach Bedarf Logopädie zum Hörtraining oder beispielsweise auch Krankengymnastik für das Schwindeltraining erhalten.

Da es sich beim CI um eine Prothese und nicht um ein Hilfsmittel handelt, ist eine lebenslange Nachsorge auf Kosten der Krankenkasse oder Rentenversicherung garantiert und grundsätzlich sinnvoll.

9 thoughts on “Der Faktor Zeit

  1. Es ist schön, das zu lesen. Ich bin immer noch in der Vorbereitungsphase und muss nach der Indikationsstellung noch weitere Tests überstehen. Ich habe schon viel gelesen und weiß, dass es anfangs nicht so gut klingen soll – dass es nun mit Training und Zeit sich so verbessert, macht mir Mut 👍

    1. Hallo Anja,
      ja, Du hast es ja gelesen. Am Anfang ist es sehr befremdlich und ich habe tatsächlich gedacht: „Oh Gott, was hast Du angestellt?“. Aber in so gut wie allen Fällen läuft es irgendwann rund. Zeit und Geduld sind wichtig. Ich drück Dir die Daumen, dass es bei Dir passt. Wenn Du Fragen hast oder Hilfe brauchst, melde Dich gern.
      Viele Grüße
      Axel

      1. Vielen Dank! Ich bin eine von den Einohrigen, die aber mit ihren nur einen Ohr beruflich (und privat) vorne und hinten nicht zurecht kommt … ich habe auch einen „hochkommunikativen“ Job (Lehrerin). Also verfolge ich alles mit Spannung und Interesse. Meine Hörakustikerin hat mir den Blog empfohlen.

        1. Hallo Anja,
          dann ist das CI bestimmt die richtige Entscheidung für Dich. Du kannst ja nichts verlieren sondern nur gewinnen! Das ist doch ein tolle Chance und ein super Ausgangspunkt, oder?
          Bestell Deiner Akustikerin viele Grüße von mir (welche Stadt).
          Bis dann
          Axel

          1. Ich sehe es auch als Chance; es verzögert sich aber noch, ich muss wahrscheinlich auch noch irgendwelche Geräte ‚gegentragen‘. Ich werde schöne Grüße bestellen (es handelt sich um Bonn)!

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